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Kabarett beim Seesener Kulturforum mit Simone Solga

Simone Solga kabarettierte wieder einmal beim Seesener Kulturforum. „Das gibt Ärger“, das ist neues Programm. Nun gut, es gab letztlich keinen Ärger, obwohl die bekennende „Ossi“-Kabarettistin ihren Job als Kanzlerin-Soufleuse aufgekündigt hat. Letztlich wird dann ein von einigen Zuschauern an die Frau Merkel gerichteter, mit Wunsch- und Wutzetteln ergänzter Brief zum Postkasten gebracht. Das aber könnte Ärger geben.

Simone Solgas Gepäckstücke aus Häkel-Tasche und Einkaufstüte sind alle Habseligkeiten, welche die Flüchtlingsfrau „am Leibe“ trägt. Sie ist Asyl-Suchende. Der „warme Beifall“ zu Beginn sei Ausdruck einer guten „Willkommenskultur“. Sie komme, so Solga, aus einem echten Krisengebiet, aus dem Kanzleramt im Zustand der fehlenden Perspektiven nach der Bundestagswahl. Zu Martin Schulz kommentiert sie nur kurz: „Einen guten Roten erkennt man am Abgang“.
Solga, einst „rechte Hand“ der Kanzlerin, hat sich auf die Flucht begeben. Einhändig nur noch fehle der Merkel nun auch die eine Rautenhälfte zur anderen Hand. Die projektierten 4 x 4 Kanzlerinnen-Jahre enden in Perspektivlosigkeit und im Sprachduktus klingt Honecker durch. Das Publikum wird als „Fluchthelfer“ verdingt. „Ich werde Ihren Glauben respektieren!“ - „Nicht alles in der BRD war schlecht.“
Die Kabarettistin verteilt spot-weise Breitseiten gegen die Politikmacher, sie spricht über „Schamaika“, über die „Obergrenze als atmender Deckel“ des Fasses, über Höcke und Gauland, die man am eigenen Verfallsprozess nicht hindern sollte.
Die „Alltagspöbeleien aus Lügen“ bringen Pegida-Nähe, Volkswut und Trump´sche Twittereien nahe zusammen. Dabei bleiben die witzigen Vergleiche aber auch additiv und werden selten zu einem roten Faden gesponnen.
In den Songs zur eingespielten Musik ist die Solga kraftvolle Sängerin und starke Frau, mal rock´n rollig („Ich wär gern positiv“), mal mit fetzendem Beat, mal sentimental („Ich bin allein“). „Alles ist von mir abgefallen wie der Anstand von Erdogan.“ DDR-Reminiszenzen erscheinen im anerzogenen „Wir“ und werden erst nach ´89 zum bekennenden „Ich“. Platt bleiben die hingeworfenen Vergleiche, wenn neben anderen der Türkei-Urlaub die Wahl zwischen „Doppelzimmer im Hotel und Einzelzelle“ lässt. Stark und in Erinnerung bleiben wird Solgas Leviten-Lesung an den Imam in der Moschee: „Wenn bei Euch das Geld knapp wird, müsst ihr dann den Sprengstoffgürtel enger schnallen?“
Die in der Pause gesammelten Fragen für den Merkelbrief sind teilweise (echt!) „politisch“, weil durchaus wutbürgerlich, teilweise kabarett-like. Da wurde nicht bei Jedem die satirische Ironie verstanden. Der geforderten Internet-Rasanz setzt Solga das dänische „hygge“ auf der Couch entgegen, aber hyggelig (gemütlich) wird deshalb ihr Programm noch lange nicht.

Wenn Frauenkabarett unter die Gürtellinie greift, ist das sicherlich gewöhnungsbedürftig („Aus einem länglichen Stück Fleisch ein Besoldungsmodell machen“), aber auch die Granufink- und Treppenlift-Generation bekommt Fett zu spüren (nicht nur Rainer Calmund). „Was ist an Jugend denn so toll“ heißt es in Solgas Lied.

Neben den Auswürfen der kabarettistischen Kodderschnauze bleiben manchmal die predigend gereichten Morales nicht entschieden genug. Da fordert die Predigt „für Afrika“ und zum Schluss beim Seesener Kulturforum eine große Koalition zwischen Bühne und Publikum Solidarität: „Du hast ´n Freund in mir“. Und übrigens: Mange tak, det var en hyggelig aften, Fru Solga.

Joachim Frassl

Antonio Mateo

Antonio Mateo

Antonio Mateo

Antonio Mateo

Nachricht vom 20.10.17 22:52

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